Um im digitalen Zeitalter auf den Gipfel zu kommen, braucht es keine Funktionsbezeichnungen.

Schon interessant, welche Funktionsbezeichnungen früher und auch heute auf Visitenkärtchen, in E-Mailsignaturen oder auf der Kontaktseite von Websites stehen. Bei vielen Funktionsbezeichnungen von heute ist sogar auf den ersten Blick nicht mehr ersichtlich, was der Mensch dahinter eigentlich für eine Aufgabe im Unternehmen hat, aber irgendwie klingen die Bezeichnungen gut. Dass es in der digitalen Welt keine solchen Funktionsbezeichnungen mehr braucht, zeigt die heutige 3WSTORY.

Köbi ist mit seinem Bürokollegen Ruedi am Bahnhof Brienz. Beide freuen sich auf die vor ihnen stehende Bergfahrt hoch hinauf aufs Brienzer Rothorn. Beide waren in ihren Jugendzeiten das letzte Mal dort oben. Sie können es kaum erwarten, in die Bahn zu steigen und den Geruch von verbrannter Kohle zu riechen und durch das laut tönende Horn der Lokomotive zusammen zu zucken. Doch leider dauert es noch 20 Minuten, bis der Zug losfährt. Gemütlich trinken die beiden noch einen Kaffee im Bahnhofrestaurant und diskutieren über ein gerade aktuelles Thema in ihrem Unternehmen. Ihr Chef hat die beiden damit beauftragt, neue Funktionsbezeichnungen für die Mitarbeitenden auszuarbeiten. Die Bisherigen seien etwas in die Jahre gekommen. Schliesslich wolle heute niemand mehr Fräser oder Dreher genannt werden. Viel inspirierender sei da die Bezeichnung Fachkraft für Metalltechnik.

Die beiden haben bereits einige Stunden im Internet verbracht, um mögliche neue Bezeichnungen herauszufinden, die zu ihrem Unternehmen und zu den Stellen passen. Jedoch fällt es ihnen schwer, sich damit auseinanderzusetzen, weil sie selber schon seit mehr als 20 Jahren in diesem Unternehmen sind und sich die Funktionsbezeichnungen bei ihnen auch nie verändert haben. Ruedi schaut auf die Uhr und sagt aufgeregt zu Köbi: "Komm, wir müssen los, der Zug fährt in drei Minuten ab." Die beiden bezahlen und machen sich auf den Weg in den Waggon direkt vor der Lokomotive. Aufs Brienzer Rothorn wird ihr Zug gestossen und nicht gezogen. Neben ihnen, vor und hinter ihnen, sitzen andere Personen, die ebenfalls die atemberaubende Fahrt hinauf aufs Rothorn geniessen. Während der Fahrt, diskutieren Köbi und Ruedi weiter über die herausfordernde Aufgabe der neuen Funktionsbezeichnungen. "Lass uns doch mal ein paar Personen hier im Zug fragen, welche Funktionsbezeichnung ihr Job hat," schlägt Ruedi vor. Köbi findet dies eine gute Idee und fragt gleich seinen Nachbarn. Dieser teilt ihm mit, dass er Supply Chain Manager sei, ein Weiterer sagt, er sei Facility Manager, eine Frau bezeichnet sich als Customer Experience Managerin und wiederum ein Junge sagt, er hätte soeben die Ausbildung als Informatiker abgeschlossen und arbeite jetzt als Webengineer.

Köbi und Ruedi sind von den englischen Begriffen total überfahren und fragen sich, weshalb es diese heute in den Unternehmen braucht. Genau in diesem Moment werden sie von einem Mann, Mitte 40, angesprochen. Er hat ihnen aufmerksam zugehört und möchte seinen Beitrag zur Diskussion auch leisten. "Schauen Sie, Funktionsbezeichnungen, egal wie modern und hype sie klingen, gehören der Vergangenheit an. Sie machen aus einer bisherigen Stelle keine bessere oder schlechtere und den Menschen, der die Funktion innehält, verändern sie in den meisten Fällen auch nicht. Oder haben sie schon einmal darüber nachgedacht, Ihren eigenen Namen zu wechseln?" Köbi und Ruedi sehen sich fragend an und wollen von dem Mann wissen, wie sie es denn in seinem Unternehmen handhaben. "Bei uns spielt es keine Rolle, welche Funktion ein Mitarbeitender hat, denn diese wechselt ständig. Je nach Bedarf im Unternehmen, wird der Mitarbeitende nach seinen Fähigkeiten eingesetzt. So hatten wir z.B. auch schon einmal die Situation, dass der Buchhalter für einen Tag an der Fräsmaschine stand und die Metallteile sortierte. Anschliessend führte er am Abend einen internen Workshop zum Thema "Warum Zahlenmenschen mehr können, als nur Zahlen". Es ging in diesem Workshop darum, bei uns intern aufzuzeigen, dass es im digitalen Zeitalter nicht darauf ankommt, welche Stelle man in einem Unternehmen besetzt, sondern welche Rollen man übernimmt. Ja und sie haben richtig gehört. Bei Rollen handelt es sich um Mehrzahl. So putzt zum Beispiel unser Chef jeweils am zweiten Freitagabend die gesamte Küche, weil die Putzfrau um diese Zeit in die Yoga-Stunde geht, die nebenbei gesagt, von unserem Unternehmen sogar mitfinanziert wird. So leisten wir auch einen Teil an die Gesundheit unserer Mitarbeitenden. Stellen Sie sich nun vor, wenn mein Chef jetzt auch hier wäre und Sie ihn fragen würden, was er beruflich macht und er ihnen zur Antwort gäbe, dass er die Küche putzt. Dann würden sie ihm ja automatisch die Bezeichnung Putzkraft auf sein Visitenkärtli drucken." Köbi und Ruedi sieht man die Ratlosigkeit an. Also bringt der Mann ein weiteres Beispiel.

"Schauen Sie, wir fahren jetzt alle hier auf den Berg. Auf den meisten Visitenkärtli steht irgendeine Funktionsbezeichnung drauf. Diese bringt im Moment keinen Mehrwert. Lesen Sie hier, was auf dem Schild steht." Köbi und Ruedi lesen das Schild, darauf steht, wieviele Fahrgäste die Bahn gleichzeitig auf den Berg transportieren kann. "Sehen Sie, im Moment sind Sie in der Rolle als Fahrgast unterwegs und wir alle hier im Waggon sind Fahrgäste. Wenn wir oben auf dem Berg ankommen, den Zug verlassen und uns auf die Wanderung aufmachen, sind wir Wanderer. Das heisst, wir wechseln unsere Rolle. Wenn wir wieder unten im Tal ankommen und mit dem Schiff nach Interlaken fahren, sind wir Passagiere, wieder eine andere Rolle. Und wenn Sie zuhause bei Ihren Familien ankommen, sind Sie Ehemann und Vater, wieder eine ganz andere Rolle. Wenn Sie jedesmal Ihr Visitenkärtchen zücken würden, dann würden sie feststellen, dass Ihre Funktionsbezeichnung in keinen Situationen, ausser im Geschäft, irgendeinen Mehrwert bringt. Also mein Tipp an Sie: Teilen Sie Ihrem Chef mit, dass wenn Sie wirklich ein modernes, zukunftsorientiertes Unternehmen sein wollen, die Funktionsbezeichnungen sofort streichen und beginnen, in Rollen zu denken und handeln. Der schöne Nebeneffekt dabei ist, dass ihr Unternehmen viel agiler und flexibler wird und Sie so damit auch die Selbstorganisation im Unternehmen fördern. Denn mit Rollendefinitionen haben Sie mehr Spielraum als mit herkömmlichen Funktionsbezeichnungen und den oftmals damit verbundenen, langweiligen Stellenbeschrieben. Die digitale Welt wird es Ihnen in Zukunft garantiert danken."

Dass die Fahrt aufs Brienzer Rothorn Köbi und Ruedi eine völlig neue Denkweise bringt, hätten die beiden nie erwartet. Durch die Diskussion haben Sie leider einen Grossteil der wunderschönen Fahrt nach oben verpasst, aber das war es ihnen wert.

Ich hoffe, diese kurze Geschichte hat Ihnen gezeigt, dass es im Unternehmen von heute und morgen keine Funktionsbezeichnungen mehr braucht sondern Rollendefinitionen. Die Rollen werden immer wieder neu definiert und entsprechenden Personen zugewiesen. So wird aus einem Chef plötzlich auch eine Reinigsungskraft, die dafür sorgt, dass die Küche jeweils am Montag wieder glänzt. Genau diese Denkweise braucht es, um in der digitalen Welt erfolgreich zu sein. Funktionsbezeichnungen sind statisch - Rollendefinitionen sind dynamisch, wie das digitale Zeitalter.


Thomas Schüpfer, Unternehmer

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Thomas Schüpfer, Unternehmer

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